12 Sopranistinnen, 50 Tenöre und 40 Bässe

Im Februar 2018 und 2019 habe ich in Äthiopien in Addis Abeba zusammen mit meinem Kollegen Frank Thomas einen Workshop für europäische Chormusik für die 100 Musikstudenten der Mekane Yesus School of Jazz gegeben.

14 Tage lang fanden täglich Chorproben statt, die die Studenten mit Einsingeübungen der europäischen Form und mit Kanons und Liedern im 4-stimmigen Singen vertraut gemacht haben.

Außerdem führten wir in der „Conductingclass“ 20 Studenten in die Grundlagen des Chordirigierens ein, sodass sie am Ende des Unterrichtes in der Lage waren, kleine Chorsätze zu dirigieren.

Einige sehr interessierte Studenten bekamen auch Einzelunterricht in den Fächern Klavier und Stimmbildung.

Die Ergebnisse, welche begeistert aufgenommen und bejubelt wurden, zeigten wir in einem Konzert und in einem Gottesdienst.

Für mich waren diese Reisen von außerordentlichem Wert weil auch ich viel gelernt habe und sehr viel Freundichkeit erfahren habe.


Workshop in Addis Abeba im Februar 2018 – ein Reisebericht

Ich stehe auf einem grünen Plastikstuhl mitten in Äthiopien und 100
Augenpaare sind auf mich gerichtet. Neugierige, fragende, lässige Blicke warten auf mein Zeichen.

Und dann, nach gespannter Ruhe, hebe ich meine Arme, gebe den Einsatz und aus dem Gewirr der vielen jungen Menschen ertönt ein wohlklingender Gesang!

Wie kam es dazu?

Im Februar flog ich zusammen mit einem Studienkollegen nach Afrika, um an der „Ethiopian Mekane Yesus School of Jazz Music“ in Addis Abeba einen Chor von Studierenden zu leiten und um Chorleitungsunterricht zu erteilen.

Vor der Reise stand ich vor einem Berg von Noten und vor vielen Fragen!

Welche Lieder sind für Studenten einer Jazzkirchenmusikschule in einem anderen Erdteil bei einem Workshop mit dem Titel „Europäische Chormusik“ freudebringend und lehrreich zugleich?

Welche Stücke sind klangvoll, aber kurz und leicht genug, um sie in zehn Tagen einstudieren zu können?

Welche mehrstimmigen Chorwerke sind für Menschen, die traditionell einstimmig singen, gut zu bewältigen?

Welche Fertigkeiten kann ich in zwei Wochen Chorleitungsunterricht vermitteln?

Ich saß in Berlin an meinem Klavier und konnte mir die Einstimmigkeit, die in Äthiopien gepflegt wird, schwer vorstellen. Niemals zuvor hatte ich ein Lied aus diesem fernen Land gehört!

Den Unsicherheiten zum Trotz, machte ich mich mit Energie und Schwung an die Arbeit und stellte ein schönes Repertoire zusammen.

Dann war es soweit! Die Flüge waren gebucht und die Koffer gepackt.

Die Reise konnte beginnen.

Äthiopien, das einzige afrikanische Land, daß in seiner Geschichte nie von fremden Mächten kolonialisiert wurde (allerdings aber 1936 für 5 Jahre von italienischen Faschisten besetzt war), empfing uns im rötlichen Morgendunst.

Nachdem wir auf dem Flughafen unser Visum gekauft hatten und unsere Mobiltelefone registrieren ließen, stiegen wir in einen verbeulten und nicht besonders vertrauenserweckend aussehenden Kleinbus, dessen Fahrer uns schon erwartete.

Schon diese Fahrt in unser Quartier war ein Erlebnis. Nicht nur die Gepflogenheiten unseres Chauffeurs ließen mich die Luft anhalten, auch das Stadtbild flog wie ein Film an mir vorüber. Ich erblickte in dieser Frühe viele Passanten, die flink den rasenden Gefährten aus dem Weg sprangen, um an den Straßenrändern ihrem Ziel zuzustreben.

Hatte ich bei Wikipedia etwas von einer modernen Stadt gelesen?
Die vielen kleinen Blechhütten, der Staub und die Gerippe der Neubau­ruinen, die ich aus dem Autofenster sah, boten ein ganz anderes Bild. Ich war neugierig, was mich erwarten würde!

Versuch an einem äthiopischen „Cello mit einer Saite“

Am ersten Unterrichtstag gingen wir zum Seminar, in welchem der Chor stattfinden sollte. Unser Weg führte durch ein Geschlängel von schotterigen Gässchen, die von bescheidenen Häuschen, Plastikflaschen und Geröll gesäumt waren. Wir kamen an Menschen vorbei, die uns fragten, woher wir kämen und ob wir wohlauf wären.

Dies war mir anfangs unheimlich, jedoch gewöhnte ich mich schnell daran.

Nun ging es an die Arbeit! 90 junge Männer und 10 junge Frauen versammelten sich in der etwa 40 Jahre alten Kapelle, die für die nächste Zeit unser Probenraum sein sollte.

Dies war nun „unser“ Chor.

Die Stimmenverteilung war ungewöhnlich, aber ich hatte bei der Stückauswahl diese Besonderheit schon im Hinterkopf, und geeignete Literatur ausgewählt.

Die Frauen zeichneten sich durch klangschöne und kraftvolle Stimmen aus. Sie sangen den Diskant und die Männerstimmen teilten wir dreifach.
Das Ergebnis war eine fein hörbare Melodie und ein gutes Fundament.

Die Proben wurden mit einer Einsingphase eröffnet. Um den Studierenden ein gutes Maß an Wohlklang zu bieten, hatte ich mich entschlossen, schöne Kanons, die einen eher ruhigen Charakter haben, einzustudieren. Des weiteren übte ich einige Gesänge aus Taize. Wir hatten die Möglich­keit die relativ leichten Linien und einfachen Harmoniewechsel sehr zu­frie­­denstellend zu erarbeiten. Eine Erleichterung war, dass wir diese auf englisch singen konnten, denn dies ist eine Sprache, die den meisten le‍icht fällt.

„Bleib mit deiner Gnade bei uns“ sangen wir auf deutsch, was geduldiges Wiederholen forderte und mit Freude geschah.

Gern wurde in den Proben gelacht und die Neigung, sich mit seinem Nachbarn auszutauschen, ist ein weltumspannendes Phänomen, welches auch in Addis zu beobachten war.

An allen Tagen wirkte die beschwingte und heitere Arbeitsatmosphäre nach, mit einem Liedchen auf den Lippen zogen die meisten von dannen.

An die Chorproben schloss sich der Chorleitungsunterricht.

Er wurde von einer Schar von Freiwilligen besucht und die Eleven übten mit Eifer das Taktschlagen. Es wurde gelehrt, wie die Einsätze zu geben sind und wie man ein Chorstück beendet.

Sehr heiter ging es zu, wenn die Studierenden zwar den Gesang anstimmen konnten, aber es ihnen einfach nicht gelingen wollte, das Ende eines Kanons herbeizuführen. Sich in einer Art Endlosschleife befindend, trafen dann die hilfesuchenden und fragenden Blicke des Jungdirigenten auf uns Dozenten.

Wohlwollend und kollegial sangen die Lernenden ihre Übungsstücke im kleinen Kreis so lange, bis der letzte Kommilitone den Studiochor geleitet hatte.

Nachdem die Chorleitungsstudenten einige Sicherheit erlangt hatten, wagten wir den prominenten „Sprung ins kalte Wasser“ und einige von ihnen unterstützten mich beim Dirigieren eines Werkes im großen Chor.
Die vielen Sänger gaben ihr bestes und munterten die etwas Verunsicherten lächelnd mit ihren Blicken auf.

Der Anfang ist gelegt und mit einiger Übung werden sich die Studenten weiterentwickeln, denn natürlich ist allen bewußt, daß man das Chorleiten leider nicht in 10 Tagen erlernen kann.

Umso erfreulicher finde ich es, daß Biniyam den Wunsch äußerte, später Chorleiter und vielleicht sogar Dirigent werden zu wollen. Wie im Fluge vergingen die zwei Wochen!

Abschlußkonzert

Am letzten Tag des Workshops fand unser Abschlußkonzert auf dem Campus statt. Einige Bands hatten sich zusammengefunden und der Chor gab sein Bestes.

Leise gebe ich die Töne an. Dann schmettern die Sänger ihre Lieder stimm­gewaltig, mit Inbrunst und Begeisterung durch den Saal! Und den Moment, als Sintayehu, Nardos, Samuel und all die anderen in frenetischen Jubel ausbrechen, nachdem ihr eigener Gesang verklungen ist, behalte ich im Herzen.

Zufrieden, bei rauschendem Applaus steige ich vom Stuhl.

In der Zeit unseres Aufenthaltes kam es mehrfach zu landesweiten Unruhen, der Ministerpräsident trat zurück und der Ausnahmezustand wurde verhängt.

Inzwischen steht in Äthiopien erstmals eine Frau an der Spitze der Regierung und Hoffnungen für dieses gespaltene und zerrissene Land keimen auf.

Äthiopien 2018